Tom Stoppard: Arkadien

Den ganzen Romantik-Schwindel, Bernard! Das ist doch genau das, was der Aufklärung passiert ist, oder nicht? Ein Jahrhundert intellektueller Strenge, das ins eigene Fleisch wächst. Ein chaotisches Gehirn, der Genialität verdächtig. In einem Umfeld billiger Reize und falscher Gefühle. Die Geschichte des Gartens erzählt das alles, und zwar wunderschön und idealtypisch.

Es ist eine Szene in einem englischen Garten um 1800, in der Tom Stoppard in seinem Theaterstück Arkadien eine junge Protagonistin Überlegungen der modernen Chaostheorie vorwegnehmen lässt. Wenn man das Stück nun nicht in einer reduktionistischen Lesart auf seinen formalen Gehalt als Beitrag zur Theoriegeschichte der Mathematik oder der Gartenarchitektur lesen will, lässt es sich möglicherweise wie folgt zuspitzen. An der Romantik scheint Stoppard hier genau das zu interessieren, was an ihr einzig interessant ist: eine Art anarchische Komponente, die ihr in Teilen, man könnte auch sagen: zu Beginn, eigen ist. Dies freilich wäre wiederum zu stark eng geführt, denn tatsächlich gelingt es Stoppard über die Verschränkung von Gartenszenen aus zwei verschiedenen Zeitebenen ein unterhaltsames und zugleich interessantes Spiel zu entwickeln.

Zum Inhalt: zwei Zeitebenen

Die erste Zeitebene spielt um 1800 in einem aristokratischen englischen Herrensitz der Familie Croom. Anwesend sind hier u.a. der Hauslehrer Septimus Hodge und Thomasina Coverly, eine junge mathematische Überfliegerin die – im Gegensatz zur damaligen Newtonschen Physik – mit ihren Berechnungen Grundsätze der Chaostheorie vorwegnimmt. Zudem sind der Landschaftsarchitekt Richard Noakes, die Lady Croom und, als alter Schulfreund des Hauslehrers, zugleich auch Lord Byron anwesend. Nach einer ganzen Reihe Anziehung und Affären kommt es zum Streitfall mit ungewissem Ausgang.

Die zweite Ebene spielt in der Gegenwart. Hier treffen sich im gleichen Garten die aktuelle Besitzerin, die dessen Geschichte erforscht und ein Wissenschaftler, der in den Notizen Thomasina Coverlys deren bahnbrechende mathematische Überlegungen entdeckt . Hinzu kommen die Schriftstellerin Hannah Jarvis, die sich für einen Eremiten interessiert, der einstmals in dem Garten wohnte, sowie der Literaturwissenschaftler Bernard Nightingale. Nightingale wiederum hat einige Schriftstücke in einem alten Buch entdeckt, auf deren Basis er eine Entdeckung verfolgt, mit der er die Byronforschung über den Haufen werfen und sich Lorbeeren im Wissenschaftsbereich einheimsen will. Er glaubt Hinweise darauf zu haben, dass es im damaligen Garten nach dem Streitfall über eine Affäre zu einem Duell mit tödlichem Ausgang gekommen sei. Eben darauf und mit deswegen, so seine These, habe Lord Byron umgehend England verlassen. Wie sich schlussendlich zeigen wird, hält das Stück sowohl in Bezug auf die Nachforschungen von Jarvis wie auch auf das Karriereprojekt von Nightingale im letzten Teil des Stücks, das die beiden Zeitebenen zusammenbindet, eine interessante Wendung bereit, die die Geschehnisse aufschlüsselt.

Im Hintergrund: der Garten als Panorama

Der englische Landschaftsgarten mit seiner inszenierten Natur ist seinerzeit als liberales Gegenbild zu dem von der Geometrie der Macht durchzogenen Garten des Absolutismus verstanden worden. Indem in Stoppards Stück die italienische Gartenanlage des Herrensitzes im Auftrag von Lord Croom durch den Landschaftsgartenarchitekten Richard Noakes zu einem romantischen englischen Landschaftsgarten mit einer „naturhaft“ aufgebaute Landschaft umgebaut werden soll, wird das Panorama der damaligen Zeit in Szene gesetzt und diese Debatte im Stück verhandelt. Im Gegensatz zu Lord Croom hält Lady Croom von diesem Umbauprojekt nicht viel. Und auch Hannah, die dem Eremiten nachforscht, der, wie es scheint, als Bereicherung des romantischen Gartens in einer aufgebauten Klause einquartiert wurde, zieht im Dialog mit Bernard über eben diesen Landschaftsgarten ein ernüchterndes Fazit:

BERNARD: Reizend. Das echte England.

HANNAH: Hörn Sie doch mit dem Unsinn auf, Bernard. Die englische Landschaft ist eine Erfindung von Gärtnern, die ausländische Maler imitiert haben, die klassische Schriftsteller bebildert haben. Der ganze Ramsch kam im Handgepäck von der Großen Bildungsreise mit nach Hause. Hier, sehen Sie doch – Capability Brown, der Claude imitiert hat, der Vergil ausmalt. Arkadien! Und hier, die ungezähmte Natur im Stil von Rosa, übertüncht von Richard Noakes! Es ist der leibhaftige, Landschaft gewordene Schauerroman. Alles da bis auf Vampire.

Wie verschiedentlich herausgearbeitet worden ist – zuletzt etwa von Bredekamp am Beispiel des Barockgartens in Herrenhausen – lässt sich die Gegenüberstellung des „freien“ Landschaftsgartens gegenüber dem absolut „geformten“ Barockgarten so nicht halten. Bredekamp hat sie umgedreht, indem er für den Barockgarten auf die in der Form aufgehobene Formenvielfalt aufmerksam macht (und im letzten Kapitel sogar noch sponaneistische Momente darüber aufziehen lässt). Dieser Punkt scheint nicht nur in Bezug auf den Garten relevant zu sein. Möglicherweise ist die Überlegung – wenn ich es richtig einordne – ähnlich gestrickt wie die Konzeption des Chaos durch die Frühromantik: das Chaos als eine Art „geordnete Verwirrung“ und das Ziel, „systematisch und zugleich unsystematisch zu denken“. Wenn man die Zeit dazu hätte, müsste man sich dies einmal genauer vorknöpfen.

Physik und Gesellschaftsgeometrie

Was die Mathematik und Physik der ersten Zeitebene betrifft, ist deren Zeitgeist auf Newton verpflichtet. An den Gedanken anknüpfend, dass es nicht nur die Schwerkraft der Naturgesetze gäbe, sondern sich vielmehr die Entwicklung des Gesamten berechnen ließe, taucht dann die Frage nach perfekter Berechnung auf, aus der sich wiederum die vollumfassende Determinierung ergäbe; das Problem ist gewissermaßen also eines, an dem auch die Aufklärung laboriert. Da sich die Personen im Stück unterschiedlichen Positionen zuordnen lassen, sei es nun aufklärerisch-rational oder romantisch, haben sie unterschiedliche Antworten auf diese Frage parat. Die schlussendliche Antwort des Stücks auf diese Frage mag man entweder in einem Abschnitt auf der Seite 111 finden oder in der Programmatik des folgenden Abschnitts:

VALENTINE: […] Wir können nicht mal den nächsten Tropfen von einem tropfenden Wasserhahn vorhersagen, wenn er unregelmäßig tropft. Jeder Tropfen determiniert die Ausgangsbedingungen für den nächsten Tropfen, die kleinste Abweichung wischt jede mathematisch lineare Voraussage vom Tisch und daher ist das Wetter so unvorhersagbar und wird immer unvorhersagbar bleiben. Wenn man die Zahlen durch den Computer jagt, sieht man’s auf dem Bildschirm. Die Zukunft ist Unordnung. Eine Tür zu solchem Wissen ist für uns erst fünf oder sechsmal einen Spalt breit aufgegangen, seit wir auf den Hinterbeinen laufen. Jetzt zu leben, heißt, in der schönsten aller Zeiten zu leben, weil fast alles, wovon wir gedacht haben, wir wüßten es, sich als falsch erweist.

Die erste Programmiersprache der Welt schrieb übrigens eine junge britische Mathematikerin in den 1840er Jahren: Ada Lovelace, die Tochter des im Stück als „Fürst des Irregulären“ titulierten Lord Byron.

Arkadien. Übers. von Frank Günter. Jussenhoven & Fischer 1993

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