Gefrickelt

Es gibt einen kleinen Text Alfred Sohn-Rethels über Neapel, in dem er auf das Verhältnis von Menschen und Dingen zu sprechen kommt. „Technische Vorrichtungen sind in Neapel“, wie Sohn-Rethel zu beobachten meint, „grundsätzlich kaputt“. Die Menschen greifen in den Mechanismus ein und bringen das Kaputte dennoch zum Laufen. Es herrsche in Neapel Das Ideal des Kaputten, so der Titel seines am 21.3.1926 in der Frankfurter Zeitung veröffentlichten Textes.

Obwohl im Text ein etwas kitschbehafteter und zweifelhafter Unterton mit transportiert wird, zielen dessen Überlegungen argumentativ auf mehr als die romantisierende Vorstellung der Alltagsbewältigung, wie man sie sich für den mediteranen Süden vorstellt. Sohn-Rethel streicht weniger die Bewältigung widriger Missstände heraus, sondern verweist auf eine Präferenz des Kaputten gegenüber dem Intakten:

Das Intakte dagegen, das sozusagen von selber geht, ist ihm [dem Neapolitaner] im Grunde unheimlich, denn gerade weil es von selber geht, kann man letztlich nie wissen, wie und wohin es gehen wird.

Im Ideal des Kaputten sieht er das Misstrauen gegenüber der Umwandlung von Technik in Technologie, um aber anschließend den in Neapel gepflegten Modus des Umgangs von Menschen mit der technischen Vorrichtung so zu beschreiben:

Die Technik beginnt vielmehr eigentlich erst da, wo der Mensch sein Veto gegen den feindlichen und verschlossenen Automatismus der Maschinenwesen einlegt und selber in ihre Welt einspringt.

Etwas weiter gedacht: Der Mensch erlangt in diesem Modus somit durch das Material bestimmte neue Handlungsqualitäten, ohne dass er darin just genau auf die gesellschaftliche Funktion des Objekts beschränkt bleibt. Jenseits dessen, was die Gesellschaft an die Dinge „delegiert“ hat, lassen sich diese auch „umfunktionieren“ (Brecht).

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