Cahun-Lektüren I: Diese Gezeiten

„Tod durch Erschießen, und weitere sechs Jahre Zwangsarbeit und sechs Monate Gefängnis“. So – und in dieser Reihenfolge – lautet der Urteilsspruch, den man 1944 über Lucy Schwob und Suzanne Malherbe in Jersey spricht. Durch künstlerisch-subversive Agitation gegen die Deutsche Wehrmacht, die ab 1940 die Insel Jersey besetzt hatte, hatte sich das Stiefschwesternpaar hervorgetan, das vormals zu seiner Zeit in Paris unter den Künstlerinnennamen Claude Cahun und Marcel Moore zur künstlerischen Avantgarde des Surrealismus gehörte. Durch Collagen, Flugblätter, die sie als „Soldaten ohne Namen“ unterzeichneten, und kleinere Aktionen hatten sie versucht, gegen die Propaganda des NS-Regimes zu arbeiten. Sie wandten sich dabei nicht nur an die einheimische Bevölkerung Jerseys, sondern insbesondere auch an Soldaten aus der Wehrmacht, die sie zur Kollaboration verleiten wollten.[1], [2]

In ihrem Roman Diese Gezeiten hat Katharina Geiser diesen Abschnitt aus dem Leben Claude Cahuns aufgegriffen. Sie beschreibt, wie Lucy Schwob und Suzanne Malherbe ihr künstlerisches Talent in den Dienst des Widerstands stellen, wie sie Flugblätter aufsetzen, die sie als „Soldaten ohne Namen“ oder als „Waffen 00“ unterzeichnen und unter die Soldaten zu bringen suchen. Immer wieder zitiert das Buch dabei Fotografien ebenso wie die historischen Flugblätter und Aktionen der beiden herbei. Zum Teil schließen ihre Aktionen an surrealistische Collagearbeit an oder sie erinnern an die Fotocollagen von Heartfield/Tucholsky. Etwa wenn an einer Stelle beschrieben wird, wie Lucy Schwob das Foto eines marschierenden Regiments entdeckt. „Deckt Lucy die Hälfte des Bildes ab, sieht man nur verschmutzte Beine und Schuhe im Gleichschritt“ heißt es da und

Sie schneidet das Foto in in zwei Teile […]. Den unteren Teil klebt sie auf ein Papier und schreibt mit schwarzer Tusche Lieber Dreck und Drill als Glanz und Gloria dazu. (S. 61)

Die so angefertigte Collage werden sie in einen Rahmen setzten und in einem Haus mit Soldaten platzieren. Auch Gedichtumschreibungen wie die folgende bringen sie in Umlauf

Ich glaube, die Wellen verschlungen / am Ende Schiffer und Kahn / Und das hat mit seinem Brüllen / Der Adolf Hitler getan.

Sie signieren sie mit „Heine (Oberst?)“, schreiben damit das – von den Nazis auf anonym entautorisierte – Heinegedicht auf den Namen des in Jerzey stationierten Oberst der Wehrmacht um und bringen es unters Soldatenvolk. Solches und anderes gelingt den beiden bis sie 1944 von den Besatzern erwischt werden. Die beiden werden verhaftet. Die Besatzer gehen zunächst davon aus, dass hinter den Aktionen nicht nur die beiden Schwestern stehen könnten, sondern es sich um eine größere oder durch die Alliierten unterstützte Gruppe handelt. Offenbar auch aufgrund der Verbreitung der Materialien auf der Insel. Man verstreut und vernichtet einen Großteil der im Haus befindlichen Materialien und setzt die Schwestern im Gefängnis fest. Ein Selbstmordversuch durch Schlaftabletten scheitert und scheint ihnen zugleich das Leben zu retten: Die Verzögerung durch die notwendig gewordene medizinische Behandlung verhindert einen Abtransport auf das Festland.

Die Zeit im Gefängnis und dessen miserable Lebensbedingungen beschreibt der Roman ausführlich. Die Mauern. Papierzettel, die dennoch durch diese hindurchschlüpfen. Die Kommunikation mit den Mitgefangenen. Eine Vollstreckung des Todesurteils auf der Insel droht weiterhin. Sie soll schließlich durch ein Bittgesuch abgewandt werden: Da es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Krieg für Deutschland verloren ist, und Machthaber vor Ort nicht verantwortlich für weitere Todesurteile über die beiden Damen sein wollen, wird ein Bittgesuch aufgesetzt, mit dem in Deutschland die Aussetzung der Todesstrafe erbeten werden soll. Die beiden aber weigern sich so etwas zu unterschreiben – Cahun und Moore betrachteten es als unstatthaft ein Bittgesuch an das NS-Regime zu unterzeichnen und lehnten dies für sich konsequent ab.

Die Autorin ist in ihrem Buch nicht nur den beiden vergessenen Surrealistinnen nachgegangen, sondern zeigt auch die Namenlosen. Gefängnisinsassen und Gefängniswärter, unterstützende Menschen außerhalb des Gefängnisses und Spitzel innerhalb. Während andere Todesurteile vollstreckt werden, werden Lucy Schwob und Suzanne Malherbe am Ende begnadigt. Ihr Urteil wird nicht vollstreckt, bis die Insel 1945 befreit wird und die beiden freikommen. Ihr Privatbesitz wurde zwischenzeitlich geplündert. Im Roman entdecken die beiden Freigekommenen nun Gegenstände aus ihrem einstigen Besitz wieder. Einen Mantel etwa, der nun von einer anderen Inselbewohnerin getragen wird. Anderes aber bleibt verschwunden. Viele der Werke Cahuns, die von ihr nicht veröffentlicht, sondern privat verwahrt wurden, fielen bei der Plünderung ihres Eigentums der Vernichtung anheim. Auch dies ein Grund, weshalb Cahun lange Zeit vergessen und erst in den 1990er Jahren wieder „entdeckt“ wurde. Im Roman überschneidet sich am Ende das Gestern mit der Gegenwart. Die Recherchen und Fragen der Autorin blenden sich in die Erzählung ein. Das gemeinsame Glück des Überlebens der historischen Protagonistinnen des Romans indessen sollte nicht von allzu langer Dauer sein. Obschon beide eine Rückkehr nach Paris planten, stirbt Cahun 1954 in schlechtem Gesundheitszustand.

[1] Bucher, J./ Göres. A.: Waffen 00 lebenwärts. Kreativer Widerstand: mit poetischen Flugblättern gegen das NS-Regime. In: an.schläge, 07/2008, S. 28-31

[2] Geiser, Katharina: Hintergründe und Bilder zu „Diese Gezeiten“

[3] Bild: Grab von Lucy Schwob (Claude Cahun) und Suzanne Malherbe (Marcel Moore) in Jersey, Quelle: Wikimedia

Katharina Geiser: Diese Gezeiten. Salzburg und Wien 2011. 

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