Cahun-Lektüren II: Narziss

CaravaggioIn der griechischen Mythologie ist die Geschichte eines antiken „Selfie“ übermittelt: Ein in der Wasseroberfläche gespiegeltes Portrait seiner selbst wird dem Narziss zum Verhängnis, als es ihn in seinen Bann schlägt. Der Mythos wird verschieden interpretiert und ist vielfach aufgegriffen worden, in der psychoanalytischen Diskussion ebenso wie in der kunsttheoretischen. Auch im Alltagsverstand hat er seinen Platz. Meist wird die Geschichte des Narziss dabei als Kritik von Selbstverliebtheit erzählt. Oder sie wird mit dem Gedanken der Verhaftung in Scheinbild gewordenen Projektionen verflochten.

Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach; denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert, liebet er nichtigen Wahn: er hält für Körper, was Schatten. […] Was Leichtgläubiger, strebst du vergebens nach flüchtigem Scheinbild? […] Schatten ist, was du gewahrst, vom widergespiegelten Bilde! – Ovid: Metamorphosen

Claude Cahun greift die Figur des Narziss mehrfach auf und nimmt eine Uminterpretation vor. In ihrem unter dem Titel Aveux non avenus (also „nichtigen Bekenntnissen“) veröffentlichten autobiographischen Essay kommt sie darauf zu sprechen. Das Problem der Figur sieht sie nicht in übermäßiger, sondern vielmehr in einem Mangel an Selbstliebe, den sie als Ursache für die Verhaftung des Narziss in den ihm entgegengespiegelten Bildern betrachtet.

The death of Narcissus has always seemed totally incomprehensible to me. Only one explanation seems plausible: Narcissus did not love himself. He allowed himself to be deceived by an image. He didn’t know how to go beyond appearances. – Claude Cahun: Aveux non avenus

Auch in den Fotografien Cahuns findet sich eine Reihe von Selbstportraits, in denen sie sich des Bildes bedient und die Geschichte des Narziss von ihr umgeschrieben wird. Sie fordert im eben ausgeführten Sinne nicht nur Neo-Narzissmus. Indem sie den Prozess der Spiegelung im Bild in Szene setzt, setzt sie auch hier einen neuen Akzent. Sie setzt, so könnte man sagen, den Umgang des Selbst mit jenen Bildern in Szene, die die Gesellschaft ihren Subjekt spiegelt. Eines der Portraits von 1928 bringt eine Art Inversion der klassischen Geschichte des Narziss ins Bild:

In a pose that is an inversion of the classic imagery of Narcissus – the youth, leaning over the pool, gazing with rapt attention – Cahun floats, eyes closes, in the water, her face placed in front of a mute, unreflective stone in what appears to be a refutation of the Narcissus myth. (Shaw 2013: 80)

Das Fotoarrangement scheint sich des unausweichbaren gesellschaftlichen Blicks auf den Körper bewusst, wie es sich zugleich von der Zumutung der Identifikationen abwendet. Kein Subjekt, nirgends – zumindest in einer Gesellschaft, in der sich die Menschen allseitig als deren Subjekte inszenieren müssen.

Hinweise: Claude Cahun (1930): Aveux non avenus; Jennifer L. Shaw (2013): Reading Claude Cahun’s Disavowals; the little ghost: Claude Cahun: Androgyne, Surrealist, Activist; Julika Funk (2008): Sappho am Fenster der Guillotine. Bild 1: Caravaggio: Narziss. Quelle: Wikimedia; Bild 2: Claude Cahun: Untitled, 1928. Quelle: Shaw 2013, S.83. 

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