175 Jahre Fotografie

Und in den Zeitungen sind größtenteils seichte Artikel erschienen. Beim Deutschlandfunk erzählt ein Historiker dazu „Bei Daguerre brannte sich im empathischen Sinne noch die Realität auf die Platte ein.“ In der Verschriftlichung des Interviews hat man sogleich emphatisch mit empathisch durcheinander gebracht. Unter der Prämisse dass echt sei, was nicht retuschiert wurde scheint man dann schlussendlich doch der Fotografie als Abbildung der Realität nachzutrauern. Es spricht der Historiker. Was fototechnische Reproduzierbarkeit bedeutet – zumal fürs Kunstwerk, kommt dann doch nicht groß zur Sprache. Auch über den Vermittlungsvorgang über die Auseinandersetzung mit dem konkreten Bildmaterial muss nicht  kompliziert nachgedacht werden. Denn: Wie gut war es noch gestern, als die Bilder noch nicht „entwertet“ waren und die Realität noch dingfest machten.

Das ist Unsinn. Und führt auf indirektem Weg an eine gesellschaftliche Komponente der Fotografie. In der bürgerlichen Gesellschaft sollen sich die Subjekte permanent flexibel verändern und: mit sich identisch sein. Dem rannte die frühe Fotografie nach, als sie sich auf die Portraitfotografie konzentrierte. Und auch die heutige Selbstfotografie hat meist auch nicht mehr Gehalt, als dass dem verinnerlichten gesellschaftlichen Identifikationsterror Genüge getan wird. –Flexibel sich selbst verändern das heißt wiederum unter gegenwärtigen Bedingungen, und also unterm Neoliberalismus, immer: sich an die gesellschaftlichen Bedingungen anpassen. Aus der einstmaligen Möglichkeit zur Individualität ist heute die Pflicht zur selben geworden…

Daß das Individuum mit Haut und Haaren liquidiert werde, ist noch zu optimistisch gedacht. Wäre doch in seiner bündigen Negation, der Abschaffung der Monade durch Solidarität, zugleich die Rettung des Einzelwesens angelegt, das gerade in seiner Beziehung aufs Allgemeine erst ein Besonderes würde. Weit entfernt davon ist der gegenwärtige Zustand. Das Unheil geschieht nicht als radikale Auslöschung des Gewesenen, sondern indem das geschichtlich Verurteilte tot, neutralisiert, ohnmächtig mitgeschleppt wird und schmählich hinunterzieht. Mitten unter den standardisierten und verwalteten Menscheneinheiten West das Individuum fort. Es steht sogar unter Schutz und gewinnt Monopolwert. Aber es ist in Wahrheit bloß noch die Funktion seiner eigenen Einzigkeit, ein Ausstellungsstück wie die Mißgeburten, welche einstmals von Kindern bestaunt und belacht wurden.  Da es keine selbständige ökonomische Existenz mehr führt, gerät sein Charakter in Widerspruch mit seiner objektiven gesellschaftlichen Rolle. Gerade um dieses Widerspruchs willen wird es im Naturschutzpark gehegt, in müßiger Kontemplation genossen. Die nach Amerika importierten Individualitäten, die durch den Import bereits keine mehr sind, heißen colorful personality. Ihr eifrig hemmungsloses Temperament, ihre quicken Einfälle, ihre »Originalität«,wäre es auch nur besondere Häßlichkeit, selbst ihr Kauderwelsch verwerten das Menschliche als Clownskostüm. (Theodor W. Adorno: Minima Moralia: „Dummer August“)

Portraitfotografie bedient diese Problematik und sieht sich also mit der Doppeltendenz konfrontiert: Liquidierung und zugleich Ausstellung des Subjekts als Solitaire. Wenn man künstlerisch Gehaltvolleres als dadurch geschaffene plastic people festhalten will, wird man sich dazu verhalten müssen. Fragt sich nur: wie so etwas angestellt werden kann.

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2 Kommentare zu „175 Jahre Fotografie

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  1. Wieder ein sehr kluger Beitrag. Zu Portraitfotografie, die zugleich ganz nah an Selfies und meilenweit davon entfernt ist, fällt mir August Sander ein, sein Projekt „Anlitz der Zeit“, zu dem Döblin im Vorwort geschrieben hat: “Wie man Soziologie schreibt, ohne zu schreiben, sondern indem man Bilder gibt, Bilder von Gesichtern und nicht etwa von Trachten, das schafft der Blick des Photographen, sein Geist, seine Beobachtung, sein Wissen…” Es gibt (immer noch) diese wundervollen Portraitfotografien, die etwas sichtbar machen, was unter der Oberfläche eines Gesichtes liegt.

  2. Das erinnert mich an eine Stelle in Roland Barthes „Heller Kammer“ über die Photographie der Maske: „Die Maske ist allerdings der schwierige Teil der Photographie. Wie es scheint, mißtraut die Gesellschaft dem unverstellten Sinn: sie will Sinn, doch will sie gleichzeitig, daß dieser Sinn von einem Rauschen umgeben sei (wie es in der Kybernetik heißt), das ihm etwas von seiner Schärfe nimmt.“

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