Kino als proletarisches Vergnügen

Dieses Jahr im Verbrecherverlag erschienen und mein Lesehighlight der Woche: „Mary Pickfords Locken. Eine Etüde über Bindung“ blickt von dem Tag, an dem die Schauspielerin des frühen Stummfilmkinos sich ihre bekannten Locken abschneiden lässt und damit ihre Karriere beendet, auf den gleichzeitigen Wandel der Kinokultur: Was Ripplinger beobachtet, ist das Kino als proletarisches Vergnügen am Zeitpunkt seines Verschwindens.  Der Essay kommentiert die Produktion des frühen Kinos und dessen Gestaltung.

Das frühe Kino entsteht al fresco. Während der eine Film produziert wird, bauen die Requisiteure schon die Kulissen des nächsten auf. So sind alle Beteiligten gefordert, so sind Ideen und Improvisationstalent aller gefragt. Schauspieler werden im Nu Drehbuchautoren oder Regisseure und Produzenten und umgekehrt. Gerade Frauen profitieren von dieser offenen, unhierarchischen Teamarbeit. Sie sind die vergessenen Heldinnen des frühen Kinos.

Am Beispiel Mary Pickfords meint Ripplinger Überschreitungspotentiale ausmachen zu können, insofern Pickford mit ihren Rollen „weder innerhalb der Grenzen der Geschlechts- noch in den Klassenrollen“ verharre. Pickfords Positionierungen finden zugleich ganz im Weltlichen statt. Eben hier unterscheidet es sich dann auch von dem darauf folgenden Kino, denn…

Ein Kleinbürger geht nicht ins Kino, um andere Kleinbürger zu sehen […] während das proletarische und subproletarische Publikum Pickfords geradezu danach zu verlangen scheint, auf die tristen Hinterhöfe und in die traurigen Heime, in die Wohnküchen und die Wäschereien geführt zu werden, die es kennt. […] Die Filme Pickfords […] binden nicht mit Klischees, sondern weil sie wahrhaftig und vieldeutig sind.

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André le Nôtre

Im Wagenbach-Verlag ist anlässlich des 400.Geburtstags von André le Nôtre, dem Architekten der Schlossgartenanlage in Versailles, ein schöner kleiner Band erschienen, den ich hier auf den Seiten des Berliner Büchertischs kommentiert habe.

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